Stellungnahme der Mitarbeiter der Älteren Deutschen Literatur
Wir sind als Mitarbeiter und als Mittelbau, d.h. als Assistenten und Lehrbeauftragte, grundsätzlich solidarisch mit den aktuellen Protesten der Studierenden – und dies nicht zuletzt deshalb, weil wir zu guten Teilen ähnliche Interessen haben, ist es doch weitgehend der Mittelbau, der die BA-Studiengänge mit seiner Lehre tragen und sich mit den Absurditäten dieser Reform herumschlagen muß.
Wir stimmen mit der Studentenschaft überein, daß die neuen Studiengänge viel zu verschult und überbürokratisiert sind, was zu Unselbständigkeit und Unmündigkeit erzieht statt zu selbständigem Denken und Arbeiten. Darüber hinaus machen viel zu dichte Studiengänge bei viel zu kurzer Studienzeit und dem Zwang zu andauernder Benotung ein freies Lehren und Lernen, das auch Fehler zuläßt, weitgehend unmöglich. Wir sind keine Schullehrer, sondern Wissenschaftler und wollen auch weiterhin Forschung und Lehre miteinander verbinden!
Der ständige politische Druck, daß Universitäten, Fakultäten und Fächer ‘Profil’ bilden sollen, hat bei der Konzipierung von BA/MA Studiengängen deutschlandweit zu einer geradezu grotesken Inflation von weitgehend inkompatiblen Studiengängen geführt, die Studienortwechsel schon auf nationaler und erst recht auf internationaler Ebene immer schwieriger machen. Das ist besonders absurd, wenn man bedenkt, daß der sog. Bologna-Prozess doch eigentlich eine bessere, europaweite Kompatibilität der Studiengänge bewirken sollte. Für uns bedeutet das auch, daß wir immer wieder gezwungen werden, Studiengänge nicht nur nach wissenschaftlichen, sondern vor allem auch nach Marketinggesichtspunkten im Kampf um Profilbildung und knappe Mittel zu konzipieren und zu vertreten.
Die Modularisierung des Studiums führt mittlerweile zu Situationen, die jeder didaktischen und wissenschaftlichen Rechtfertigung spotten: so haben wir jetzt die ersten Master-Studenten in unseren Mittelalterseminaren sitzen, die in ihrem Bacherlorstudium in einem anderen Fach noch niemals mit mittelalterlicher Literatur in Berührung gekommen sind. Ein Systemfehler, den MA-Studenten dann ausbaden dürfen, während wir vor unlösbaren didaktischen Problemen stehen – niemand kann mal eben aus eigener Kraft nachholen, was aus gutem Grund ein Studium verlangt.
Wir unterstützen grundsätzlich die Forderung nach Abschaffung von Studiengebühren! Auch jede Herabsetzung wäre bereits eine Erleichterung, um die in Deutschland so massiven sozialen Zugangshürden wenigsten ein wenig herabzusetzen. Allerdings geraten wir als Mittelbau da auch in einen gewissen Interessenkonflikt, denn teilweise werden unsere Arbeitsplätze aus diesen Mitteln finanziert. Außerdem ist die Lage mittlerweile so, daß bei einem Wegfall dieser Arbeitsplätze das Studium schlicht zusammenbrechen würde. Das macht die Forderung nach einem Wegfall der Studiengebühren nicht falsch, erfordert aber eine Diskussion zur Frage, woher die Mittel dann kommen sollen?
Bei aller Solidarität im Protest darf man also nicht übersehen, daß es durchaus handfeste Interessengegensätze zwischen den universitätren Gruppen und auch Fakultäten (Stellenbesetzungen, inneruniversitäre Mittelverteilung, unterschiedliche Lehrbelastung) gibt, die vor allem aus knappen Mitteln resultieren, und die unserer Ansicht nach thematisiert werden sollten. Das zu tun ist natürlich heikel, weil geeignet, Protest zu spalten. Aber unterschiedliche Interessen sind nun einmal da, ob man darüber spricht oder nicht – und es nicht zu tun birgt das Risiko, daß sie unterschwellig wirken und dann irgendwann dann doch überraschend und unkontrollierbar ausbrechen.
Protest und Politik
Bei aller prinzipiellen Solidarität haben wir auch aber auch einige Probleme mit den formulierten Zielen und den Formen des Protestes.
Eine Formel wie ‘Bildung für alle’ klingt ja erstmal sehr radikal, aber was ist denn damit gemeint? Welche Bildung? Welche Bildung für wen? Und an wen richtet man seine Forderungen? Wäre nicht eine Diskussion darüber nötig, was man unter Bildung versteht, welche Bildung man will? Um dann klarer sagen zu können, wen man mit welchen Formen des Protests und mit welchen konkreten Forderungen unter Druck setzen will: Bund, Länder, Hochschulrektorenkonferenz, Universitäten etc.?
Auch die konkrete Politik des Streiks verwundert uns mitunter. Worin liegt der Wert symbolischer Aktionen? Eine Webseite ist eine schöne Sache, aber keine Politik. Kreative Proteste machen Spaß, sind aber nicht mehr als Event- oder Symbolpolitik, die in einer ohnehin auf Symbole und Events ausgerichteten Mediengesellschaft kaum mehr sind als ein Unterhaltungselement neben anderen. Erst guck ich Protest, dann Frau Kallwass… Eingreifende Politik muß Gegner benennen, Interessen formulieren, Druck ausüben, Machtpositionen entwickeln.
Wir sind auch sehr skeptisch gegenüber einer Politikauffassung, die zu meinen scheint, man müße ‘der Politik’ nur mal erklären, was sie falsch gemacht hat und dann wird alles gut. Man sollte seine Gegner nie unterschätzen – was, wenn die Reform genau das gebracht hat, was erwünscht ist? Das Lehren und Lernen ist quantifizierbar gemacht worden und das ist die Grundvoraussetzung für die Privatisierung von Lehre, ein erklärtes Ziel neoliberaler und damit vorherrschender Politik. Und schon der Streik macht doch deutlich, daß das BA-Studium sehr viel Angst produziert: Angst vor einem unzureichenden Abschluß, Angst durch die Teilnahme am Streik aus dem verschulten Studium zu fallen, Prüfungen und vielleicht den Abschluß zu verpassen, Angst vor drohender Arbeitslosigkeit, Angst nur rudimentär ausgebildet zu sein – alles realistische Ängste! Und schaffen solche Ängste nicht etwas von der anderen Seite durchaus erwünschtes, eine wachsende Gruppe von Menschen mit rudimentärer intellektueller Grundausbildung, die vor lauter Angst alles mit sich machen läßt?
An wen also wendet man sich, wen setzt man unter Druck, mit wem kann man sich solidarisieren und wie weit geht diese Solidarität? Dazu aber muß man sich über Interessen, der eigenen wie die der anderen Seite, im Klaren sein.
Wie geht es weiter?
Der Streik hat bereits Erfolg, denn es kommt Bewegung in den sog. Bologna-Pozeß. Viele sind damit unzufrieden und damit sind zumindest kurzfristige Interessenkoalitionen möglich, die etwas bewegen.
Fatal wäre es allerdings, sich mit diesem Erfolg zufrieden zu geben, denn was nun folgt sind die Mühen der Ebene: die allgemeine Bereitschaft zur Reform der Reform muß auch konkret umgesetzt werden. Wohlfeile Versprechen von Politikern und Hochschulvertretern sind das eine, die konkrete Umsetzung etwas ganz anderes.
Realistischerweise kann man von einer kleinen Universität wie Bayreuth nicht erwarten, daß sie den globalen Protest anführt und auch nicht, daß solche allgemeinen Formen des Protestes hier sehr lange aufrecht erhalten werden können. Die Frage ist daher, wie es im nächsten Jahr lokal weitergehen soll?
Reform heißt ganz konkret, daß die Studien- und Prüfungsordnungen überarbeitet werden müssen. Dabei hat aber die Studentenschaft hier vor Ort die Möglichkeit, nachhaltig einzugreifen! Dies kann nicht von heute auf morgen geschehen, da heißt es geduldig dicke Bretter bohren und beständig den Druck aufrechtzuerhalten. Diese Diskussion scheint aus unserer Sicht noch gar nicht begonnen zu haben. Natürlich ist das Wälzen von Paragraphen sehr viel unbefriedigender als symbolische Politik – dafür aber sehr viel nachhaltiger.
Konkrete Eingriffsmöglichkeiten für Veränderungen an den Studiengängen hier in Bayreuth sehen wir vor allem in folgenden Bereichen:
- Das Lehren und Lernen muß entlastet werden von ständigen Noten- und Prüfungszwängen: Lernen heißt Fehler machen und Fehler dürfen nicht negativ sanktioniert werden.
- Das erfordert ein längeres Studium! Eine Verlängerung des BA auf acht Semester, wie nun diskutiert wird, wäre eine Möglichkeit, eine andere, in jedem Fall einen MA studieren zu dürfen. Angesichts einer immer komplexer werdenden Welt ist die Idee, man könne dem durch eine Verkürzung der Lernzeit gerecht werden, ohnehin reichlich absurd.
- Lernen an einer Hochschule muß auch heißen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Die permanente Kontrolle durch Überbürokratisierung steht dem aber immer mehr im Weg: Anwesenheit wird kontrolliert, Abwesenheit verlangt Atteste, FlexNow gängelt bei jeder Kleinigkeit mit nutzlosen Kontrollfunktionen, die keinerlei fachlichen und didaktischen Vorteil haben. Die radikal verschulten Studien- und Prüfungsordnungen erfordern eine ständige Überwachung der Studierenden, vor allem durch die Prüfungsämter. Bürokratie ist eine feine Sache, wenn sie unauffällig und hilfreich dafür sorgt, daß man sich um Formalia keine Gedanken machen muß – sie wird zum Hindernis, wenn sie zur alles überwachenden Kontrollinstanz wird. Und das ist ein systemisches Problem, denn auch die Kollegen in der Universitätsverwaltung müssen diesen aus den BA/MA-Studiengängen sich ergebenden Überwachungs- und Kontrollwahn ausbaden.
Wir sind als Lehrende diesem Irrsinn auf andere, aber ebenfalls belastende Art unterworfen – wir wollen lehren und nicht überwachen und kontrollieren!
Diese Dinge sind änderbar! Sie sind in Bayreuth änderbar und erst recht jetzt, wo der Streik soviel Druck erzeugt hat, daß überall davon geredet wird, daß der Bolognaprozeß der Reform bedarf.
Die Erfahrung zeigt, daß Streiks an Universitäten, und das aus guten Gründen, nie von allzu langer Dauer sind – die Arbeit an Studien- und Prüfungsordnungen wird hingegen sehr viel länger dauern. Welche Strukturen lassen sich da bilden, um den studentischen Einfluß auf diese Prozesse sicherzustellen? Wie kann die Arbeit an diesen konkreten Ordnungen öffentlich gehalten werden, um den studentischen Druck darauf nicht zu verringern?
Verlassen Sie sich nicht darauf, daß andere Ihre Probleme lösen werden, nicht einmal dann, wenn diese guten Willens sind. Wir helfen gern und so gut wir können, aber wir sind keine Studenten mehr und haben unsere eigene Sicht auf die Dinge und unsere eigenen Interessen.
Niemand kennt Ihre Probleme so gut wie Sie selbst und niemand kann besser sagen als Sie, was sich ändern muß.



